Von der Schweiz nach Peru: Zwei Menschen folgen ihrem Herzensruf
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Was bewegt ein junges Ehepaar dazu, die Schweiz hinter sich zu lassen und in Peru zu einem Langzeiteinsatz einen Neuanfang zu wagen?
Im Gespräch mit Anne Melber aus dem Redaktionsteam erzählen Petra und Gabriel Stäger von ihrem Weg in einen Langzeiteinsatz bei casayohana, von berührenden Begegnungen mit Kindern und Familien, kulturellen Herausforderungen und davon, wie Gott sie Schritt für Schritt geführt hat. Ein ehrliches und ermutigendes Interview über Mut, Vertrauen und gelebte Hoffnung.
Wer hinter dem Einsatz steckt
Anne: Hallo ihr beiden. Danke, dass ihr euch Zeit für das Interview nehmt. Stellt euch doch bitte kurz vor.
Petra: Ich bin Petra Stäger, komme ursprünglich aus der Zentralschweiz und bin Ergotherapeutin für Kinder mit Behinderungen. Ich bin gerne draußen unterwegs, gehe wandern und fahre in der Schweiz sehr gerne Ski.
Gabriel: Ich bin Gabriel Stäger, 32 Jahre alt, aus der Region Aarau. Ich habe zuerst Forstwirt gelernt, dann Landschaftsgärtner und später bei der Intervention der Schweizerischen Bundesbahnen in verschiedenen Funktionen gearbeitet.
Ein gemeinsamer Traum beginnt
Anne: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Gabriel: Petra und ich haben uns in einem Skilager für Kinder mit einer Behinderung kennengelernt.
Petra: Ich dachte aber in dieser Woche eher: „Was für ein Clown!“
Wie ein Buch alles veränderte
Anne: Wie habt ihr von casayohana gehört?
Gabriel: Das war eher zufällig. Ich wollte ein Buch kaufen, das nicht auf Lager war und bestellt werden musste. Als es zu Weihnachten 2023 ankam, lag ein Katalog dabei, auf dessen Cover ein Buch von Bine abgebildet war.
Petra: Wir hatten vorher schon darüber gesprochen, gemeinsam einen Einsatz zu machen, wussten aber noch nicht, wohin.
Gabriel: Genau, Petra wollte eher nach Afrika, ich eher nach Süd- oder Nordamerika.
Petra: Durch das Buch sind wir dann auf die Website gegangen und haben gesehen, dass genau unsere Berufe gesucht werden.

Gabriel: Eigentlich dachten wir zuerst, es passt nicht, weil Spanisch gefordert war und wir das nicht konnten. Trotzdem haben wir Kontakt aufgenommen und Bine meinte „Ja, also wir können jeden gebrauchen, der das auf dem Herz hat. Spanisch kann man lernen“.
Petra: Nach unserer Hochzeit im Juli 2024 haben wir unsere Flitterwochen in Peru verbracht. Eine Woche waren wir bei casayohana, um das Projekt kennenzulernen.
Gabriel: Die restlichen zwei Wochen sind wir gereist und haben das Land entdeckt. Danach war schnell klar, dass wir uns das gut vorstellen können.
Petra: Etwa ein Jahr später, im September 2025, sind wir dann endgültig nach Peru gezogen.



Der Schritt ins Unbekannte
Anne: Wie soll euer Einsatz ablaufen?
Gabriel: Wir planen mindestens zwei Jahre, eventuell bis zu drei. Bine möchte natürlich so viel wie möglich. 😉
Petra: Das hängt auch davon ab, wie Gott uns führt und ob wir weiterhin gebraucht werden.
Gabriel: Langfristig könnten wir uns vorstellen, nach der Rückkehr in die Schweiz, dem Projekt treu zu bleiben. Dabei immer wieder für einige Wochen zurückzukommen und in gewisse Phasen mitzuarbeiten und so das Projekt weiter zuverlässig zu unterstützen. Aber auch die Bekanntheit des Projekts in der Schweiz zu fördern.
Mit ihren Gaben mitten im Alltag der Kinder
Anne: Was sind eure Aufgaben vor Ort?
Petra: Ich arbeite vier Tage pro Woche als Ergotherapeutin im Team und betreue und fördere Kinder einzeln, vor allem im Bereich Selbstständigkeit und Feinmotorik. Zusätzlich leiten wir zusammen mit peruanischen Freunden die Jugendarbeit der Gemeinde und helfen auch sonst in der Gemeinde mit.
Gabriel: Mein Aufgabenbereich ist sehr vielfältig. Ich unterstütze im Handwerk, übernehme Arbeiten auf der Baustelle des aktuellen Neubaus, wo ich verschiedene Inputs anbringen darf, zum Beispiel: dass alle Türen barrierefrei für Rollstühle erreichbar sind. Auch übernehme ich Aufgaben im Bereich der deutsch-peruanischen Zusammenarbeit. Vieles läuft darauf hinaus, Bine zu entlasten und Abläufe zu koordinieren.


Ankommen in einer neuen Kultur
Anne: Wie ist das Einleben für euch?
Gabriel: Der Einstieg war relativ einfach, weil wir direkt mit der Arbeit beginnen konnten und das Team gut mit neuen Leuten zurechtkommt. Auch der Rückhalt der anderen Missionarinnen hilft. Herausfordernd ist für mich vor allem die andere Denk- und Arbeitsweise, besonders im Bau. Ich bin das Vorrausschauen und Planen gewohnt, dass hier in der Kultur etwas anders ist, da wird eher Schritt für Schritt genommen.
Petra: Sehr geholfen hat uns auch unsere Wohnsituation bei einem deutsch-peruanischen Ehepaar. Dadurch konnten wir viel über Kultur und Alltag erfahren und hatten gleichzeitig einen guten Rückzugsort in ihrem wunderschönen Garten.

Lernen, lachen, Spanisch sprechen
Anne: Wie läuft es mit der Sprache?
Petra: Wir hatten vor der Abreise nur wenig Spanisch gelernt. Nach einem kurzen Abstecher nach casayohana, flogen wir nach Arequipa weiter. Dort durften wir dann circa drei Monate eine Sprachschule besuchen und eine Grundlage in der spanischen Sprache erlernen.
Gabriel: Trotzdem war der Anfang schwierig, denn die Alltagssprache im Projekt ist nochmal anders als in der Sprachschule. Das Team hat wirklich viel Verständnis und wenn es um Fachbegriffe geht, weicht man dann hin und wieder auf einen digitalen Übersetzer aus.
Petra: Mit den Kindern ist es oft einfacher. Bei Gesprächen mit Eltern, die Spanisch nicht als Muttersprachen haben, ist es manchmal dennoch sehr herausfordernd.


Begegnungen, die das Herz verändern
Anne: Was hat euch besonders bewegt?
Petra: Die Hausbesuche haben mich sehr berührt. Viele Familien leben sehr einfach und arm, manche Kinder haben kaum Spielsachen. Sie sind im Projekt ganz überwältigt, wenn sie die vielen Spielsachen sehen.
Gabriel: Mir fällt besonders auf, wie stark Kinder die Nähe und den Kontakt suchen, vor allem zu Männern. Sie merken einfach im Projekt sind sie sicher und können sich eine Umarmung holen, wenn sie das wollen. Das ist anders als in der Schweiz.


Herausforderungen, die wachsen lassen
Anne: Welche Herausforderungen erlebt ihr?
Petra: Aktuell sind es Streiks wegen der starken Wasserverschmutzung durch die illegalen Minen, aber auch wegen den kaputten Straßen. Dies erschwert den Alltag, zum Beispiel wenn Kinder nicht zur Therapie kommen können.
Gabriel: Für mich ist die indirekte Kommunikation eine Herausforderung. Aber auch die Unterschiede im Denken, etwa bei Bauweise oder Prioritäten. Früher, zur Zeit der Chankas (indigenes Volk), hatten sie Giebelhäuser und das hat gut funktioniert und jetzt bauen sie Flachdächer, die in der starken Regenzeit leicht einbrechen und kaputt gehen. Da verstehe ich manchmal die Gleichgültigkeit nicht. Dennoch sehe ich auch ein, dass über 400 Jahren viel Wissen verloren gegangen ist.


Hoffnung trotz schwieriger Geschichten
Anne: Wie geht ihr mit schwierigen Schicksalen der Kinder und Familien um?
Petra: Mich berühren viele Geschichten der Kinder und Projektfamilien, aber ich kann sie gut bei Gott lassen und nicht mit nach Hause nehmen.
Gabriel: Ich habe manchmal Mühe, Dinge nachzuvollziehen, vor allem wenn sich die Situationen immer wiederholen.
Gottes Bewahrung im Alltag
Anne: Gab es besondere Erlebnisse?
Gabriel: Ich hatte einen Unfall mit einer Leiter, bei dem ich mir die Hand verletzt habe. Gott sei Dank war nichts gebrochen. Das hat mir aber gezeigt, wie schwierig medizinische Versorgung hier sein kann.
Petra: Gleichzeitig war es schön zu erleben, wie viel Mitgefühl und Unterstützung wir bekommen haben.
Verbunden trotz großer Entfernung
Anne: Wie haltet ihr Kontakt in die Schweiz zu Familie und Freunden?
Petra: Am Anfang war schwierig, da wir noch kein Internet zuhause hatten. Inzwischen funktioniert es gut.
Gabriel: Ich brauche nicht sehr viel Kontakt, da ich im Hier und Jetzt lebe und den Moment mit den Menschen zusammen genießen will. Aber mit Familie und für organisatorische Dinge klappt es mittlerweile ganz gut.

Loslassen, vorbereiten, vertrauen
Anne: Wie habt ihr euch für den Einsatz vorbereitet?
Petra: Wir haben unser Haus geräumt, einen Flohmarkt gemacht und uns von Familie und Freunden verabschiedet. Das sind schöne Erinnerungen.
Gabriel: Leider etwas zu wenig. Rückblickend hätten wir organisatorische Dinge wie Versicherungen oder Banken früher klären sollen.
Gemeinsam getragen
Anne: Wie läuft eure Unterstützung?
Gabriel: Wir haben einen Spenderkreis aufgebaut und werden stark von unserer Gemeinde unterstützt. Der Einsatz läuft mit der Schweizer Missionsgemeinschaft.
Petra: Den Kontakt halten wir über Newsletter, eine WhatsApp-Gruppe und Berichte in der Gemeinde. Unsere Gemeinde unterstützt uns stark, dafür sind wir ihr auch sehr dankbar.

Veränderungen im Miteinander
Anne: Wie wirkt sich die Zeit bei casayohana auf eure Ehe aus?
Gabriel: Wir verbringen viel mehr Zeit miteinander als früher und müssen lernen, gut damit umzugehen.
Petra: Es ist manchmal herausfordernd, aber insgesamt stärkt es unsere Ehe sehr.


Last but not least – Wunschliste
Anne: Was wünscht ihr euch für euren Einsatz?
Gabriel: Ich möchte vor allem beim Bau helfen, dass das 3. Gebäude fertig wird und die Werkstatt weiter ausbauen, sodass Bine entlastet ist und sich wieder voll und ganz auf die Kinder fokussieren kann. Auch will ich eine neue Kultur und Sprache kennenlernen, meine Stressresilienz verbessern und lernen, dass es auch anders geht als bei uns.
Petra: Mir ist es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass sie immer von Gott geliebt sind, und auch einen liebevollen Umgang vorzuleben. Weitergeben will ich auch, wie eine harmonische Ehe aussehen kann und dass man auch mit unterschiedlichen Meinungen liebevoll miteinander umgehen kann.
Anne: Vielen Dank für eure Zeit. Und Gottes Segen für eure Zeit in Peru!



