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Nah dran am Leben: Gert und Andreas erzählen von ihrem Besuch bei casayohana

von Annette Büttel10.07.2024

Gert und Andreas sprechen im Interview mit Anne Melber (Stiftung casayohana) über ihre Reise nach Peru zu casayohana.

Könnt ihr euch kurz vorstellen?

Gert: Wir sind über Bine Vogels Schwager, Friedemann Büttel, zu casayohana gekommen. Mit ihm sind wir schon lange befreundet. Ich, Gert, bin Gründungsmitglied der Stiftung casayohana Deutschland und schon seit 2018 im Vorstand der Stiftung aktiv. 

Andreas: Ich bin Andreas, bin im Kuratorium der Stiftung für casayohana tätig, offiziell erst seit Oktober/November 2022. Kommt mir aber schon viel länger vor. Und für uns beide kann ich sagen, wir lieben unsere Arbeit für casayohana und sind mit ganz viel Herzblut dabei. Ich darf jetzt schon verraten, nach der Reise noch mit viel, viel mehr Verständnis und Liebe erfüllt zu sein, als es vorher ohnehin schon war.

Gert ergänzt: Für uns beide war es die erste Reise auf den Campus casayohana in Peru. 

Könnt ihr eigentlich spanisch?

Gert lachend: „Yo no hablo español“ (Ich spreche kein Spanisch). Ein bisschen haben wir aber trotzdem mit einer Sprachenlern-App geübt. 

Warum habt ihr euch für die Reise entschieden? 

Gert: Der Grund unserer Reise war vor allem die Arbeit persönlich kennenzulernen und nicht nur davon zu hören. So kann ich auf Messen und Konferenzen beim Standdienst meine persönlichen Erfahrungen teilen, kann authentischer erzählen. Durch die Begegnungen mit den Familien kann ich nun ihre Herausforderungen besser verstehen und so die Arbeitszweige von casayohana an ihnen beispielhaft zeigen. Sehr wichtig für mich war es auch das Grundstück zu sehen, um ein klareres Bild von dem Arbeitsalltag auf dem casayohana-Campus zu bekommen und die Logistik zu verstehen. Durch den Besuch ist mir das Projekt noch mehr ans Herz gewachsen. 

Andreas: Für mich war es auch eine Herzensangelegenheit, eine tiefere Verbundenheit zu casayohana und vor allem den Menschen vor Ort zu bekommen. Peru ist ja ziemlich weit weg und die Bilder und Geschichten sind für mich nun viel aussagekräftiger. Die mit den Kindern gemeinsam verbrachte Zeit beim Spielen und bei kleinen Gesprächen hat die emotionale Verbundenheit enorm gestärkt. So ist mein Wunsch voll aufgegangen. 

Was waren eure Aufgaben auf dem Campus?

Andreas: Gert und ich haben alle Arbeitsbereiche kennengelernt wie die Schule, die Therapien (Physio, Psycho, Logo), die Hausmeisterei, die Verwaltung und vieles mehr. Wir haben Lego- und Duplo-Häuser gebaut, Papierflieger gebastelt, Mikado gespielt, ausgemalt und alles war dabei bis zum Waschen von Füßen und was man eigentlich mit Seife macht. 

Gert: Ein Ereignis, an das wir uns gerne erinnern, ist das Füße waschen. Die Kinder kannten Seife nicht und schrubbten auf ihren trockenen Unterschenkeln damit herum. Wir machten es den Kindern mit den Händen vor. Am Ende haben wir ihnen die Füße gewaschen mit viel Gelächter und Geplansche, wenn wir die Kinder gekitzelt haben. Sehr ungewohnt für uns war dabei, zu sehen, dass die Kinder kitzeln nicht wirklich kannten.

Andreas: Durch unsere Einblicke haben wir nun mehr Verständnis für die peruanische Mentalität gewonnen. Wir können nachvolllziehen, warum manche Dinge einfach anders funktionieren als bei uns in Deutschland und warum für bestimmte Dinge viel mehr Zeit benötigt wird. Das Lernen und Akzeptieren, dass in Peru vieles anders läuft, war uns sehr wichtig. Aber wir haben auch Parallelen zu Verhaltensweisen bei uns in Deutschland gesehen. 

Was hat euch die Reise bedeutet? 

Andreas: Für mich war von ganz großer Bedeutung, Menschen und Arbeit kennenzulernen und Verbundenheit herzustellen: einfach hinfahren, miterleben, anfangen zu verstehen. Ich habe viele Fragen gestellt, habe aber gleich erlebt, wie ich mit meiner deutschen Mentalität mir schnell eine Meinung gebildet hatte. Für mich als Coach und Berater war es dann eine Übung und Lernerfahrung nochmal die extra Frage zu stellen, nochmal in die Reflexion zu gehen, bevor man vorschnell ein Urteil fällt. Gert und ich saßen deshalb auch jeden Abend zusammen und haben den Tag mit all seinen Facetten reflektiert.

Gert: Diese Abende haben unsere Freundschaft verstärkt. Die Gespräche haben auch beim Verarbeiten der bewegenden und auch der bedrückenden Eindrücke geholfen. Auch wenn das Verarbeiten noch länger andauern wird. 

Wie habt ihr euch auf den Besuch vorbereitet?

Gert: Ich habe versucht, relativ „erwartungslos“ hinzufahren. Ich wollte unvoreingenommen sein, einfach alles aufnehmen können. Natürlich holte ich mir auch die üblichen Reisetipps ein, z.B.: nicht zu viel Kleidung mitzunehmen.

Welches Ereignis hat besonderen Eindruck bei euch hinterlassen? 

Gert: Ein lustiges, sehr beeindruckendes Ereignis war das Füßewaschen der Kinder, davon erzähle ich gerne.  Aber auch die Gespräche mit dem Psychologen Joel waren tiefgründig. Ich habe so verstanden, dass die Peruaner und Peruanerinnen so mit Überleben beschäftigt sind und dadurch keine Kapazität mehr für anderes haben. Ich erinnere mich an einen Vater in Chaccrampa, der im Rahmen eines psychologischen Projekts zu seiner Sinneswahrnehmung herangeführt wurde. Joel hat dem Mann Öl und Zucker in die Hand gegeben, zum Spüren und Riechen. Für den Vater war das ein großer „Aha” Moment, da es um mehr als das reine Überleben ging. Die Ganzheitlichkeit in der Versorgung bei casayohana bzw. das Streben danach finde ich sehr respektabel. Als ich wieder in Deutschland war, mir die Hände gewaschen habe und warmes Wasser ohne großen Aufwand, wie erstmal Gastherme anwerfen, kam, habe ich mich gleich an Peru erinnert. Das macht mich dankbar.

Andreas: Auch ich habe ähnliche Erinnerungen an das Wasser aus dem Hahn. Ich habe gesehen, wie bei den Familien in Chaccrampa das Wasser zum Trinken für Mensch und Tier, zum Waschen, zum Kochen etc. aus einem mehr oder minder hygienischen Gartenschlauch kommt. Das macht demütig und dankbar. Die Lehmhütten, in denen die Menschen leben, die so rauchig und feucht sind, dass ich nach 30 Sekunden raus musste, weil ich nicht atmen konnte, haben mich getroffen. Mich hat auch sehr die Armut bewegt, wie sich die Kinder über ein Birne freuen. Für die Kinder war das wohl wie zweimal Weihnachten. Für uns eine Selbstverständlichkeit. Die offensichtliche Armut, aber auch die Gewalt gegenüber den Frauen und Kindern, die unter dem kulturellen Deckmantel herrscht, ging und geht mir unter die Haut. Noch mehr aber, wie dann die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort mit einer Leidenschaft und Liebe für die Menschen arbeiten. Bis hin zur Selbstaufgabe, und das meine ich mit einem bewusst wertschätzenden, aber auch besorgten Unterton. Gert und ich haben erlebt, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kinder mit nach Hause genommen haben, wenn es nötig war. Wenn die Situation in der Familie so dramatisch war. Das ist echt ein Knochenjob für die Mitarbeiter, weit ab von dem Erwartbaren!

Was habt ihr mit nach Deutschland genommen? 

Andreas: Zum einen, was es doch für ein Privileg ist, in Deutschland geboren zu sein. Es ist reine Gnade, ein Geschenk Gottes. Doch es ist auch gleichzeitig eine Verpflichtung, ein kleines Stück dorthin zurückzugeben zu Menschen, die weniger Privilegien haben. Auch nehme ich Dankbarkeit und eine neue Definition von Demut mit nach Hause. Demut nicht in Form von „klein machen“, sondern im Sinn von verstehen wollen, nachfragen, schweigen, zuhören und sich erst dann eine Meinung bilden. Das habe ich abends in der Reflexion mit Gert nochmal neu lernen dürfen. Für mich war es auch spannend zu beobachten, wie sich in Peru Männer und Frauen begegnen und wie unterschiedlich der Umgang mit Kindern im Vergleich zu Deutschland ist. Ich konnte einfach mal eine ganz andere Art und Weise der Begegnung erleben und ein bisschen sensibler für andere Kulturen werden. 

Gert: Ja, für mich war es auch interessant den kulturellen Unterschied zu dem westlich privilegierten Mindset zu spüren. Ich nehme auch die Liebe und Hingabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Kinder und Familien mit nach Hause. 

Könnt ihr mal den Satz vollenden: casayohana bedeutet für mich…

Gert: ... ganz konkret gelebte Nächstenliebe und ein Licht in der Dunkelheit. 

Andreas: Dazu fällt mir Matthäus 25,40 ein: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“  Auch muss ich an die Übersetzung von Diakonie denken „in den Staub gehen”, wenn man über die Staubpisten nach Chaccrampa fährt, um mit den Menschen auf Augenhöhe zu sein. 

Wo habt ihr Gottes Bewahrung (besonders) gespürt? 

Gert: Wir haben Gottes Bewahrung oft auch bei den banalen Dingen gespürt, zum Beispiel, dass mit dem Flug und unseren Koffern alles gut gegangen ist oder auch bei den rasanten Taxifahrten nichts passiert ist.

Andreas: Vor allem habe ich auch die Bewahrung beim gemeinsamen Beten gespürt. Beim gemeinsamen Gebet ist in viele Themen, Probleme oder Fragestellungen erstmal Klarheit reingekommen und manchmal hat Gott über Nacht einfach Türen geöffnet. 

Wie habt ihr das große Projekt „Bau“ wahrgenommen?

Gert: Wir haben vor allem festgestellt, dass wir ein tolles Team in Deutschland und Peru haben. Sie bleiben dran, auch wenn gefühlt alle Ideen über den Haufen geworfen werden, sie nehmen jede neue Idee auf und durchdenken diese – da hätten manche Teams schon längst aufgegeben. Das ist sehr cool! Und: Der Vorstand, das Kuratorium und alle anderen Beteiligten arbeiten Hand in Hand trotz mancher verschiedener Ansichten – aber alle mit dem einen, gemeinsamen Ziel: Die Kinder und Familien auf die beste Weise begleiten und unterstützen zu können. 

Andreas: Ich freue mich über Offenheit und Wertschätzung in der komplexen Planung. Der Besuch bei casayohana hat mein Leben verändert, es wird dein Leben verändern und gibt dir viel mehr zurück, als du rein investierst.

Vielen lieben Dank für das Interview und weiterhin viel Freude und Kraft bei eurer Arbeit für casayohana

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